Zwischen Ballerinas

Wie ist es, in eine Künstlerfamilie geboren zu werden? Umgeben von Kreativität und Inspiration? Toni erlebt das gerade. Denn während sein Vater die Bühnenbilder und Requisiten baut, darf er gemeinsam mit seiner Mutter beim Training und bei den Proben dabei sein. Und das ist ein ganz besonderer Spaß – denn in der Ballettschule wird gerade für die große Ballettgala geübt…

Im großen Ballettsaal wachsen üppige weiße und hellrosa Tüllröcke wie zarte Blumen aus dem Boden. Es wirkt wie ein Meer aus Zuckerwatte, auf dem bunte Plastiktüten schwimmen, aus denen allerlei schimmernde und glitzernde Kostüme quellen. Rohrflöten, Schneeflocken, russischer Tanz – so steht es in großen Buchstaben auf den Zetteln, die Auskunft über den Inhalt geben. Aus einem riesigen blauen Plastiksack zieht eine Trainerin gerade ein kleines graues Schwert nach dem anderen und verteilt es in den Kinderhänden – schließlich brauchen die Zinnsoldaten ihre Ausrüstung für den Marsch über die Bühne.

Toni hat es sich im Arm seiner Mutter gemütlich gemacht. Die geht mit großen Schritten über den Tanzboden, korrigiert da eine Haltung und dort einen Fuß. „Ich zähle jetzt mit – 1, 2, 3, 4. Und nochmals auf Anfang!“ Toni macht große Augen und staunt. Die Bewegung der vielen kleinen und großen Tänzer fesselt seine Aufmerksamkeit. Die kleinen Mädchen haben sich an der Ballettstange in einer Reihe aufgestellt. Über den filigranen Beinen in den zartweißen Strumpfhosen haben sie ihre luftigen Tutus drapiert, die Haare sind zum strengen Dutt inklusive Perlen und Blümchen gebunden. Gleich werden sie als flinke Mäuse über die imaginäre Bühne flitzen, unter Tische und Stühle krabbeln, ihre ersten eleganten Tanzschritte zeigen.

Zwischendrin, wenn sie gerade nicht den Auftritt proben, huschen die Tänzer bei Toni vorbei, schneiden ihm Grimassen und werfen ihm luftige Küsschen zu, greifen ihn an den Fingerchen, knuddeln sein Bäuchlein, bestaunen die kleinen Schuhe. Im Hintergrund spielt Tschaikowski seine Musik, mal lauter und mal leiser. Jetzt kommt der Nussknacker mit seiner bunten Maske vorbei, er schwebt tänzelnd durch den Saal und zeigt einige ausladende Gesten vor Toni. Dann macht er sich schon wieder eilig davon, um seinen Einsatz beim Pas de deux nicht zu verpassen.

„Schluss für heute – nur die Solisten bleiben noch ein paar Minuten da“, ruft Tonis Mutter und zieht aus ihrem Rucksack währenddessen den Babybrei. Was für ein Spektakel, mit leckeren Mahlzeiten versorgt zu werden, während die tanzenden Künstler ihre Solonummern darbieten. Bei dieser Performance schmeckt es dem Kleinen noch viel besser! Und bei so vielen Bewegungen von links nach rechts dreht sich das Köpfchen in alle Richtungen – und der sämige Brei landet mal auf der Nasenspitze, mal auf dem Lätzchen, mal auf der Tante (die Toni beim Essen auf dem Schoss hält) und auch mal im kleinen Mund.

Was für ein wunderschönes und spektakuläres Miteinander. In tosendem Galopp stürmen viele kleine, größere und ganz große Füße die Flure der Ballettschule. Wenige Minuten später, wenn alle die Schule verlassen und in ihren Alltag zurückkehren, sind aus den Mäusen und Soldaten, Rohrflöten und Blumenkindern, arabischen und chinesischen Tänzern wieder ganz normale Kinder geworden.

Und Toni? Im Wiegeschritt an der Hüfte seiner Mutter ist er eingeschlafen – und vielleicht träumt er von der schönen Clara, die leichtfüssig und zart, anmutig und betörend dem Nussknacker gerade in fremde Welten folgt. Und Toni immer hinterher…

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