Wie ich andere in den Wahnsinn treibe

Die Menschen in meiner nächsten Umgebung setzen sich derzeit einem enorm hohen Risiko aus, wenn sie mir die Frage stellen: Und, wie geht es dir so? Denn dann öffnen sich alle kommunikativen Schleusen bei mir. Hey, mir geht es super – weißt du schon, dass ich Tante geworden bin? – Und ab hier rollt der Informationsfluss, groß und breit und schnell und immer weiter, bis daraus eine wahre Toni-Lawine wird. Das beste daran: Ich erzähle nicht nur von Toni, habe allerhand Anekdoten parat und weiß meine Begeisterung kaum zu zügeln. Nein nein. Es gibt auch noch eine Lawine an Bildern gleich gratis mit dazu.

Eigentlich ist es wie mit genau den Leuten, die gerade vom Urlaub zurück kommen und es gar nicht erwarten können, einem die Unmengen an Bildern vorzuführen. Von weißen Sandstränden in Afrika. Von saftig grünen Hügeln im Allgäu. Von der ausgiebigen Surftour in Portugal. Von endlosen Wanderungen in der Bretagne. Und klar, von den unendlichen Weiten auf Island. Ein paar Momentaufnahmen – gerne. Doch nach durchschnittlich fünf Fotos verliere ich so langsam die Geduld. Wenn der andere dann nicht stoppt, wird es langatmig, langweilig, ermüdend. Wie so etwas nervt! Und doch schaut man – um des lieben Friedens Willen – die ganzen Bilder an, die einem vor die Nase gehalten werden. Und dieses noch und jenes noch und kennst du schon…

Jetzt ist aus mir genau so jemand gerworden, der den anderen – zwar nicht ganz ungefragt und unfreiwillig, so doch völlig unerwartet in dieser Masse – das Smartphone vor die Augen hält, um am besten alle Fotos zu zeigen: Das ist das allerallerallerallererste Bild, das ich von Toni habe! Und hier hat er eine witzige Frisur! Das bin ich, wie ich Toni das erste Mal die Flasche gebe! Und hier siehst du Toni im coolen Outfit, im super coolen Outfit und im mega coolen Outfit! Das ist Toni, wie er den riesigen Hut von seinem Opa trägt! Nicht zu vergessen: Toni beim Schlafen, Toni beim Lachen, Toni mit und ohne Schnuller, Toni auf der Couch, Toni in seinem Stubenwagen, Toni in der Tragetasche auf dem Bauch seines Vaters. Besonders hervorhebenswert auch Toni, wie er aus dem Kinderwagen heraus die Bäume im Wald bestaunt, wie er dem Fotografen zuwinkt und wie er sich seine zwei kleine Fäuste gleichzeitig in den Mund steckt.

Schon genug? Kann nicht sein! Wen ich einmal in meinen Fängen habe, der entkommt der Live-Bilderschau nicht so bald. Also strecke ich das Handy meinem Gegenüber wieder entgegen, berichte und erzähle, schaue zwischendrin selbst auf den Bildschirm, um dann – wisch wisch wisch – schon die nächsten Highlights zu präsentieren. Neu dazu kommen jetzt kurze Bewegtbilder und erste Videosequenzen: Toni, wie er mit meinem Bruder in der Badewanne sitzt und Schwimmbewegungen wie ein kleiner Frosch macht; Toni, wie er seine ersten brabbeligen Geräusche von sich gibt; Toni, wie er von diesem oder jenem Besucher gerade bespaßt wird. Und auch, wenn sich die Szenerien, Locations und auch das Top-Model nicht wirklich groß verändern, gibt es doch immer wieder Allerhand zu zeigen. Toni in allen Lebenslagen eben.

Neulich war ich zum runden Geburtstag bei einer Freundin eingeladen. Simone, lange nicht gesehen, wie geht es dir? – Die verheerende Frage nimmt ihren Lauf… denn sie wird an jedem Bartisch neu gestellt und der Stolz der Tante wandert von Fragesteller zu Fragesteller und wird mit visuellen Schmankerln untermauert. Und schwupps – Toni ist das Partygespräch Nummer Eins. Passiert mir auch im Biergarten, im Büro und neulich auf einer Konferenz beim Mittagessen. Es scheint ein Automatismus zu sein: Wer mich nach mir und meinem werten Befinden fragt, bekommt die Toni-Show abgespielt. Werfen Sie hier eine Münze ein, los geht’s. Und ich kann gar nichts dagegen tun…

Liebe Freunde, treibe ich euch damit in den Wahnsinn – so wie die anderen es mit ihren unerschöpflichen Urlaubsbildern tun? Dann rollt doch bitte mal die Augen oder räuspert euch, macht eine abwehrende Handbewegung oder lasst mich ein deutliches Seufzen hören. Sonst – versprochen – habe ich noch mindestens 377 weitere Bilder parat!

4 thoughts on Wie ich andere in den Wahnsinn treibe

  1. Meine Lieben, da müsst Ihr noch viel lernen!! und alles Materielle landet irgendwo.
    Aber die Zeit, die Ihr mit den Kleinen verbringt, die bleibt, die Ruhe die uns Großmütter und Tanten auszeichnet, die bleibt!
    Aus Erfahrung die Großmutter Annemarie

    1. Liebe Annemarie,
      da sagst du ganz etwas Wahres! Danke für deine Zeit, die du mir geschenkt hast – jetzt kannst du sie mit den Kids nutzen!

  2. Liebe Gerlinde, das ist wunderbar, herzlichen Glückwunsch! Es ist ja wohl so, dass wenn uns etwas tief berührt, dass wir dieses Glück gerne mit anderen teilen…

  3. Liebe Simone das kenne ich auch seit ich weiß, dass ich Oma werde muss ich es der ganzen Welt erzählen. Siehst du, ich fang schon wieder an Ich freu mich für dich und wünsche dir mit Toni viele schöne Erlebnisse

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