Im Tal der Tränen

In den ersten Tagen nach Tonis Geburt bin ich so oft wie möglich im Krankenhaus, um meinen kleinen Neffen zu besuchen. Kundenbesuche? Enge Terminlage? Ein Schreibtisch voller Arbeit? Das alles verliert plötzlich an Wichtigkeit. Der Tag wird neu getacktet: Wann schaffe ich es, um ein paar Stunden bei Toni zu sein? Um ihn für ein paar Viertelstündchen im Arm zu halten? Um ihn anzuschauen, beim Schlafen, beim Milchtrinken, beim Windelnwechseln.

An einem Abend, ich komme gerade aus dem Krankenhaus zurück, überkommt mich dann plötzlich die Welle. Die Welle der Tränen. Tränen des Glücks. Tränen über diese unermessliche Freude, dass es Toni gibt. Tränen, die ich weinen muss, weil meine kürzlich verstorbene Mutter ihr Enkelkind nicht auf dem Arm halten kann, so wie ich. Tränen vor Begeisterung für das Wunder des Lebens. Tränen, die aus der Fröhlichkeit und Erheiterung her rühren, aus der völlig ungewohnten Entzücken und Glückseligkeit. Süße Tränen, über diesen Segen, der meinem Bruder und seiner Frau endlich zu Teil wurde. Mitten im Hochgefühl, das sich durch die Tränen einen Ausweg sucht. Das sichtbare Zeichen der Wonne.

Tränen im Freudentaumel – und gleichzeitig Tränen voller Traurigkeit. Tränen über die Erkenntnis, dass ich keine Mutter sein werde, keiner eigenen Familie vorstehe, keine Kinder diese ganz besondere Nähe zu mir suchen, das erste Wort nach mir benannt wird und ich die Verantwortung ein Leben lang trage. Durch den Schleier meiner Tränen sehe ich, welche ganz eigenartige Einsamkeit dieses Einsamsein ohne eigenes Kind ist, welche Leere sich da plötzlich zu erkennen gibt, welche Ohnmacht ich habe über die Wege, die das eigene Leben sich gesucht und wo es mich hin geführt hat – eben nicht zum Muttersein.

Obwohl das auch nie Teil meines Lebenskonzeptes war oder ich irgendwann vorher unbedingt Mutter sein wollte: Toni hat irgend etwas verändert. Er hat mir deutlich gemacht, was für ein wertvolles Stück an Miteinander mir fehlt und immer fehlen wird, welche Bedeutung so ein kleines Menschenleben plötzlich für einen haben kann und welchen unschätzbaren Wert. Zwei Tage habe ich nur geweint, schreibe ich meinem Bruder – und der weiß die richtige Antwort: Aber das ist doch auch deine Familie, sagt er. Wie wunderschön.

Tante statt Mutter zu sein – eine ganz eigene Rolle, die in Tonis Leben nur mir gehört, die nur für mich vorgesehen ist. Eine wunderbare Aufgabe. Die Operation beste Tante der Welt kann also beginnen!

 

7 thoughts on Im Tal der Tränen

  1. Liebe Simone,
    Wirklich sehr schön beschrieben, ich musste auch mal kurz schlucken um nicht im Bus zu heulen :D. Ich selbst bin noch keine Tante und das wird auch sicher noch dauern, aber ich konnte mich voll in Tante Simone hineinversetzen. Ich würde mich wahrscheinlich nicht nur über das Baby freuen sondern auch so glücklich mit meiner Schwester sein, als wäre ich selbst Mutter. 😀 sie hätte es mehr als verdient eine Mama zu sein, dass ich schon allein aus dem Grund vor Glück für sie weinen würde.

    1. Liebe Pia,
      das beschreibst du ja auch sehr schön – und eines Tages wird es so weit sein! Tatsächlich ist das Glück der beiden, die das Baby bekommen, so unfassbar schön und groß. Wir alle glauben bis heute gar nicht, dass Toni wirklich da ist und zur Familie gehört – manchmal ist Glück einfach da und doch so un-begreifbar…

  2. Liebe Simone, was für ein wunderschöner Blog. Du hast mich total berührt und mich mitgenommen in das Tal der Tränen – wow, dass Du mit Deinem Text solche Emotionen auslösen kannst.
    Ich hol mir mal ein paar Taschentücher, damit ich weiterlesen kann ;-). LG Melanie

    1. Liebe Melanie, danke für deine offenen Worte. Manchmal müssen eben auch Tränen sein, damit wir das Lachen um so mehr schätzen können!

  3. Na, prima! Dass ich mit dem Muttersein sympathisiere, war mir längst klar. Aber dass ich ja auch Tante im Herzen bin, und mehr noch: Tante Simone im Herzen trage, wurde mir eben mal wieder ganz deutlich bewusst! Wann hat das eigentlich angefangen, dass ich so nah am Wasser gebaut bin, dass mich dein dritter Blog-Beitrag so zu Tränen rührt??! Und wie soll das weitergehen?? Bezaubernde Worte findest du, Tante Simone, und ich wünsche dir von Herzen unendlich viele kostbare (Tanten-)Erlebnisse! Danke, dass du sie so schön mit uns teilst…

    1. Vielen lieben Dank für deine Worte – das rührt mich dann gleich wieder zu Tränen. Bei euch darf ich ja sogar Tante Simönchen sein, das ist dann noch mal etwas ganz eigenes Wunderbares <3

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