THEÍA

 

 

 

 

 

 

Die Hälfte von dem, was Tonis Eltern zu ihm sagen, verstehe ich schlichtweg nicht. Was daran liegt, dass meine Schwägerin griechische Wurzeln hat und – was nahe liegt – mit ihrem Kind griechisch spricht. Mein Bruder ist in der Fremdsprache auch schon gut geübt und reiht sich ein in einem Kauderwelsch aus Griechisch-Deutsch. Deutsch lernt er überall, sagt er, daher gibt es daheim die zweite Sprache. Eine kluge Entscheidung.

Sogar der bunte Teddybär, den die griechische Großmutter neulich als Geschenk mitgebracht hat und der spricht und singt, wenn man ihn am Bauch, an den Tatzen oder Ohren drückt, tut das auf Griechisch. Mit dem kuscheligen Begleiter wird Toni lernen, wie man zählt und das Alphabet im Singsang aufsagt. Mein Bruder grölt schon mit, sobald der Teddy angeschmissen wird, als habe er nie etwas anderes gemacht. Ich schaue ihn dann mit großen Augen an und muss lachen, weil wir Geschwister mal wieder nicht die selbe Sprache sprechen.

Manchmal frage ich engagiert nach, was denn die Begriffe so bedeuten, die ich immer wieder höre. Und versuche, mir ein wenig die Zunge zu verknoten und es nach zu plappern, aber Griechisch ist ganz schön kompliziert. Merken kann ich es mir am Ende dann doch nicht. Außer eben das eine Wort, das mich betrifft: THEÍA. Tante!

Bisher hieß ich Tante Simönchen. Die Wortschöpfung stammt von meiner besten Freundin, die ihrem erstgeborenen Sohn wohl irgendwie meinen für Kinder nicht ganz so einfach auszusprechenden Namen verniedlicht beibringen wollte. Der Name blieb, auch als ihr zweiter Sohn zur Welt kam. Und heute bin ich in ihrer Familie das Tante Simönchen, für den 18-Jährigen und den Fünfjährigen gleichermaßen. Und das ist ja so schön, denn es macht einen zu einer ganz besonderen Tante. Mit eigenem Namen.

Jetzt also bekomme ich meinen zweiten Tante-Namen. Die Namensgebung ist irgendwie schon erfolgt und wenn meine Schwägerin mit Toni griechische Konversation betreibt, erkenne ich inzwischen blindlings, wenn es um die Tante geht. Vermutlich sagt sie dann so Sachen wie: dass die Tante endlich mal wieder da ist, schau die Tante mal an, ach wie hübsch ist deine Tante heute, guck mal wie viel Spaß du mit der Tante haben kannst, ach was hat die Tante dir heute wieder mitgebracht und lass dich von der Tante ruhig ein bisschen herumtragen und verwöhnen. Vermute ich. Das einzige was ich ja verstehen kann ist: THEÍA.

Ich fange an, auf den Namen zu hören. Und das nimmt lustige Formen an. Denn ich reagiere nicht nur im Beisein von Toni darauf, sondern weltweit sozusagen. THEÍA THEÍA THEÍA ruft es, als ich im Freibad gerade nach meiner Bahn durchs Wasser am Beckenrand ankomme. Ich schaue mich ein wenig irritiert um. THEÍA THEÍA schau mal! Die lauten Rufe kommen von einem kleinen Kerl in roter Badehose, der sich gerade oben auf dem Zehn-Meter-Sprungbrett postiert hat und aufgeregt winkt. THEÍA THEÍA jetzt! Und dann hüpft er mit den Füßen vorwärts ins Becken. Irgendwo steht eine Tante, die ganz stolz ist auf den mutigen Zwerg. Und die andere Tante kommt gerade erst zur Besinnung, dass nicht sie gemeint war – und zieht weiter ihre Bahnen.

Oder erst neulich im Supermarkt. Zum Feierabend noch schnell etwas einkaufen. THEÍA THEÍA höre ich es irgendwo aus einem der Regalgänge. Ich drehe mich sofort um. Wer ruft da nach mir? THEÍA kann ich das haben, THEÍA bitte bitte… Ich schmunzele und packe den Joghurt in den Einkaufswagen.

Wir sind gespannt, wie dich Toni später einmal nennen wird, sagt meine Schwägerin. Ich wüsste da schon was, das mir sehr gut gefallen könnte…

 

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