Sonntagsausflug Teil 1

Ich bin überhaupt kein Spaziergänger. Mich los schicken, um einfach so in der Gegend herum zu schlendern, ist ganz und gar nicht mein Ding. Ich bin eher so der Lass-mich-von-A-nach-B-gehen-Typ. Ich habe ganz gerne mein Ziel vor Augen und will es dann auch erreichen – das gilt auch geographisch. In den 1920er Jahren hatten es sich die elegant gekleideten und intellektuell unübertreffbaren Flaneure zu Eigen gemacht, inmitten der neu aufkommenden Urbanität in den Straßen zu promenieren – mit einer Schildkröte an der Leine. Der Ausdruck der puren Entschleunigung, das absolute Lustwandeln inmitten der brausenden Großstadt – vorbei an den illuminierten Schaufenstern der großen Warenhäuser, den bunten Litfaßsäulen, den von den Automobilen befahrenen Plätzen…

Spazieren gehen? Nichts für mich. Bisher. Denn mit Toni ist es plötzlich anders. Er funktioniert wie eine Schildkröte: entschleunigt mich völlig und nimmt mich mit auf einen gemütlichen und genüsslichen Spaziergang durch die Parkanlage von Schloss Monrepos. Gemeinsam mit seinen Eltern bummeln wir die baumbewachsene Allee entlang. Der Kinderwagen wurde sofort am Parkplatz meiner Führung übergeben. Sonnenschutz hoch? Klimbim-Spielzeug dran? Kind zugedeckt? Ein Pilot startet ja auch nicht, bevor er die Checkliste nicht sauber abgearbeitet hat…

Mit riesigen Augen beobachtet Toni aus dem Kinderwagen heraus die große weite Welt. Wie spannend ist das Licht- und Schattenspiel der Bäume, wie viel Aufmerksamkeit verlangt der Wind in den Blättern, wieso muss man eigentlich die Augen zukneifen, wenn sich die Sonne durch die Wolken schiebt und was überhaupt sind das für gackernde und schnatternde und gluggernde Geräusche, die vom See herüber wehen, von Menschen und Tieren produziert.

Stundenlang könnte ich Toni im Kinderwagen so durch die Parkanlage chauffieren. Ohne Blick auf die Uhr, ohne Ziel, ohne Ankunftsdatum, ohne Routenplan, ohne Hektik. Kenne ich so gar nicht von mir… Mit Toni entdecke ich meine neue Vorliebe für das Spazierengehen. Allerdings ist das weniger der Freude am Fußmarsch geschuldet als vielmehr der Aufmerksamkeit, die dieses Kind auf sich zieht. Mit dem Blick auf Toni, auf seinem Gesichtsausdruck, auf seinem kleinen Wesen da im Korb, auf jeder Regung und Bewegung nach links und rechts, auf jeder kleinen Drehung ist mein Fokus völlig eindeutig. Da vergesse ich die Kilometer, die ich hinter mir lasse.

Familien mit Kindern, die an uns vorbei hüpfen. Paare im Paddelboot und Warteschlangen am Steg. Radfahrer, mal langsam und mal schnell, mal mit Helm und mal ohne. Hundebesitzer, sich beschnuppernde Vierbeiner, sich grüßende Zweibeiner. Andere Kinderwagen-Schieber. Das alles interessiert mich nicht. Es rauscht an mir vorbei wie eine Kinoleinwand. Mein Herz, mein Verstand, mein Blick liegt auf Toni. So muss doch eine gute Tante sein! Und während ich darüber so vor mich hin philosophiere, ist Toni eingeschlafen…

 

 

 

 

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