Schwäbischer Junge

 

 

 

 

Mit den Mahlzeiten ist das so eine Sache. Eigentlich mag Toni die Angelegenheit mit dem Essen eher nicht so gern. Ich könnte doch was verpassen, so lange ich in diesem Hochstuhl sitze, vor mir bunte Tellerchen mit irgenwas Essbarem darauf – denkt er sich vielleicht. In der Wohnung herum krabbeln oder inzwischen sogar auf zwei Beinen unterwegs sein, Erkundungstouren durch die Zimmer zu veranstalten und eine Stippvisite bei den Spielsachen machen – das ist doch viel aufregender als Frühstück, Mittagessen und Abendbrot zusammen.

Am Morgen klappt es noch ganz gut – vorausgesetzt, es gibt Toastbrot in kleinen handlichen Stückchen mit Frischkäse drauf. Die landen, von den kleinen Fingerchen erwischt, mehr oder weniger zielgerecht im kleinen Mund und sorgen für einen weißen Nikolaus-Bart-Ansatz zwischen Nase, Kinn und an den hübschen Wangen. Am Mittag wird es anstrengender: Tonis Mama hat sich viel Mühe gemacht, buntes Gemüse gegart und zurecht gemacht auf dem Kinderteller mit dem blauen Rand. Sie reicht Toni eine einzelne knallgrüne Erbse. Die nimmt er, hält sie gekonnt zwischen Daumen und Zeigefinger, schaut sich das gesunde Teil sehr genau an, schiebt es zwischen die Lippen, saugt und zuttzelt daran – um dann wenige Sekunden später eine zerdellte kleine grüne Kugel wieder auszuspucken. Die gelbe Karottenscheibe würdigt er nicht einmal eines Blickes. Dem Brokkoli und dem Kürbis ergeht es ebenso.

Tonis Mama schüttelt den Kopf, die Tante amüsiert sich – weil das so niedlich ist, wie die Erbse erst verschwindet und dann gleich wieder auftaucht, nur etwas in der Form verändert. Dazu das hinreißende Gesicht meines Neffen, das uns unmissverständlich zu verstehen gibt: What the fuck soll das hier? Meine Schwägerin verschwindet mit dem Kinderteller in der Küche und bringt kurz darauf kleine Stücke Toastbrot mit Frischkäse, auf die sie einzeln die Erbsen und Karottenscheiben hübsch drapiert hat. Toni schaut auf den Teller, nimmt sich ein Stück Brot, hebt vorsichtig das Gemüse herunter, wirft es irgendwo rechts und links neben seinem Hochsitz ab und schiebt sich das Brot zwischen die ersten Zähnchen. Ich lache, meine Schwägerin runzelt die Stirn.

Momentan isst er ausschließlich Würstchen, erzählt Tonis Mutter. Würden da auf dem Teller jetzt Wiener Würstchen liegen, dann hätte er es schon längst alles aufgegessen, berichtet sie. Nun – eines ist wohl nicht zu bestreiten: drrr schwääääbsche Kärllle isschd eba gern Würschdle, so wie sichs hald ghöööörd. Demnächst sind dann die Brezeln dran, versprochen…

Tonis Mama verschwindet mit dem Kinderteller ein letztes Mal in der Küche, darauf zu sehen: eine wilde Verwüstung an zerquetschtem und zerbeultem Gemüse in allen Varianten – nur das Toastbrot fehlt. Am Abend wird mein Bruder heran zitiert, das Kind zu füttern. Mach du das, bei dir isst er wenigstens etwas – so noch die frohe Erwartung der Mutter. Doch der Keksbrei lockt bei Toni keinerlei Gelüste herbei. Während der Plastiklöffel mit Brei-Portion an den kleinen Lippen anklopft, bleiben diese hartnäckig verschlossen – ein ums andere Mal, ina ller Konsequenz. Nichts zu machen. Wer will noch Brei zum Abendbrot, wenn man doch weiß, dass im Kühlschrank leckere frische Wiener Würstchen auf einen warten?

Geduldig versucht Tonis Papa sein Glück – ohne Erfolg. Der Mund bleibt zu, der Kopf des Kindes dreht sich mal nach links, mal nach rechts. Haben es jetzt alle verstanden, dass ich dieses Essen verweigere – denkt sich Toni wahrscheinlich. Irgendwann wirft mein Bruder mit einemlauten Stöhnen den Löffel in den Brei und resigniert. Aber Würstchen fütterst du ihm jetzt keine – ruft meine Schwägerin streng von nebenan. Dann kommt sie an mit einer kleinen Schüssel Himbeeren. Als hätte Toni den ganzen Tag darauf gewartet! Ruckzuck verschwindet eine nach der anderen roten Süßigkeit im kleinen Mund, der sich außen herum mit jeder Kaubewegung ein bisschen mehr rosa verfärbt. Schaue sich mal einer an, wie dieses Kind genießen kann! Und siehe da – es geht auch ganz ohne Würstchen…

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