Roter Held

 

 

 

 

Inzwischen krabbelt Toni fleißig. Was für ein niedlicher Anblick, wenn der kleine kugelrunde, mit der Windel umpackte Po sich wackelnd fortbewegt. Die kleinen Beine sind fest angezogen, schieben den kleinen Körper stramm über das Parkett.

Ich erinnere mich daran, wie noch vor wenigen Wochen der kleine Kerl zwar schon die passende Haltung gefunden hatte, sich fest mit beiden Händen auf den Fußboden lehnte, den kleinen Hintern wie einen Raketenantrieb in Stellung brachte, den Körper an den Knien nach vorne und hinten dehnte – doch vorwärts kam er leider noch nicht. Das gefiel Toni ganz und gar nicht, er maulte und beschwerte sich offensichtlich mit verschiedensten Lauten, um uns deutlich zu machen, dass er durchaus Willens ist, sich fortzubewegen, aber die Gliedmaßen ihm irgendwie noch nicht gehorchen wollen.

Heute krabbelt er, als habe er nie etwas anderes gemacht. Professionell sozusagen. Dann laufe ich hinter Toni her, betrachte den Mini-Vierfüßler von oben und erfreue mich daran, wie er immer schneller, selbstbewusster und zielgerichteter das Wohnzimmer für sich entdeckt, dann eine Runde um den Küchenblock dreht, Richtung Eingangshalle dreht. Zwischendrin bleibt er mal stehen, richtet sich mit einem gekonnten Schwung auf und bleibt – mit einem angewinkelten und einem ausgestreckten Beinchen – aufrecht sitzen, sondiert die Lage, schaut mich mit großen Augen an, um dann zack wieder in Krabbelposition zu gehen und seinen Weg fortzusetzen.

Bei alledem gibt es eine Besonderheit, dann nämlich, wenn wir gerade noch beide gemütlich auf dem Teppich spielen, Türme bauen und umwerfen, einen Blick in das Bilderbuch werfen, Kuscheltiere zum Sprechen bringen. Dann dieses Geräusch… Tonis Aufmerksamkeit schwenkt sofort um, wenn seine Mutter die Schiebetüre zur Abstellkammer öffnet – und vergisst zu schließen. In Windeseile begibt sich Toni auf Krabbelkurs: Der kleine Mann in Strumpfhosen weiß jetzt, wo er hin will. Er schaut weder links noch rechts, macht dieses Mal keine Pause, bewegt sich unaufhaltsam in eine einzige Richtung. Ich weiß auch genau, was Toni gerade denkt: „Los geht’s zur Speisekammer! Was für ein Abenteuer! Haltet mich bloß nicht auf, ihr großen Leute! Denn dort wartet mein bester Freund! Mein roter Held!“

Der rote Held, das ist der Staubsauger der Familie. Eine kleine rote und rollende Maschine, die Tonis Herz im Sturm erobert hat. Schon als Baby mochte er das beruhigende Atmen des technologischen Meisterwerks, das surrende summende Geräusch, wenn der Staubsauger seine Arbeit machte. Inzwischen ist das Tonis Held, den er mit wahrer Leidenschaft verfolgt. Wenn die Eltern damit zu Gange sind, will Toni mittendrin sein. Schließlich ist das doch wie bei einem lebendigen Haustier, das in fließenden Bewegungen durch die Räume schnurrt…

Gerade kommen Toni und ich in der Speisekammer an. Da ist er, der rote Held! Krabbel ruhig drauf, bei der Tante darfst du alles, sage ich zum Kind. Toni lächelt, seine kleinen Hände landen auf der roten Oberfläche des Staubsaugers als begrüße er einen lange vermissten Freund. Die Beine machen sich bereit, um aufzustehen, den Körper hoch zu schieben auf das Gefährt. Jetzt hält sich Toni am silber glänzenden Saugrohr fest, zieht sich hoch, steht mit noch bisschen wackeligen Knien neben seinem roten Helden. Übe das ruhig schon mal, an der Stange zu tanzen. Man weiß ja nie, wozu man das mal gebrauchen kann, sagt die Tante mit einem verschmitzen Lächeln zu Toni. „Das habe ich gehört!“ tönt es von nebenan aus der Küche. Meine Schwägerin spricht dabei in einem ernsten, strengen Ton. „Was bringst du dem Kleinen eigentlich bei?“ Nun ja, zumindest nicht an der silbernen Stange zu tanzen – das hat der rote Held schon getan 🙂

 

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