Quality Time

40 Stunden Toni-Zeit – so lange am Stück war ich ja noch nie bei meinem Neffen. Wie wunderbar! Fast zwei Tage mit ihm unter einem Dach leben – was für ein Geschenk!

Laptop zuklappen, Büro abschließen, ein winkender Gruß zu den Kollegen. Die Reisetasche liegt schon im Kofferraum. Sonnenbrille auf die Nasenspitze – und los geht’s! Wenn der Stresspegel anschwillt, die Kunden plötzlich viel zu anstrengend erscheinen, das Telefon nicht stillstehen will und die Mitarbeiterin noch immer nicht das macht, was sie tun soll, ist es Zeit. Zeit für eine Auszeit. Ich nehme meine Auszeit bei Toni. Wo auch sonst…

Ich wähle die Strecke am Neckar entlang, genieße die Weinberge, lasse die Urbanität weitgehend hinter mir. 40 Kilometer sind es zu Toni – und mit jedem Stückchen an Fahrt spüre ich, wie Gelassenheit und Vorfreude wachsen. Bei Toni ankommen ist, wie im Urlaub ankommen. Auf Zehenspitzen betrete ich das Wohnzimmer. Ob er schläft? Oder gerade trinkt? Oder gut gelaunt auf seine Tante wartet?

In dem Moment, in dem ich Toni ansehe, bin ich völlig entspannt, völlig beglückt, völlig angekommen. Das schafft nur Toni. Das kann nur Toni. Dieses Mal verbringen wir so richtig viel Zeit miteinander: kichernd und giggelnd, schmunzelnd und schmusend. Bei ihm zu sein ist wie eine riesige Überraschungskiste, die jedes Mal aufs Neue gefüllt wird. Nach 2, 3 oder 4 Wochen, in denen ich ihn nicht gesehen habe, ist er wieder ein Stückchen reifer geworden. Er macht neue Handbewegungen, dreht sich schon weit nach links und rechts, freut sich über die Menschen, die er erkennt, fixiert seine Lieblingsfiguren am Mobile über dem Wickeltisch, hört aufmerksam den Geräuschen zu, die der große Teddybär macht und hat entdeckt, dass zehn Finger schon fast alle zusammen in den Mund passen.

Ein paar Stunden später öffne ich meine Haustüre daheim. Feierabend. Nach dem Besuch bei Toni ging es gleich noch zu diversen Kundenterminen. Und nun? Fühlt sich alles plötzlich eigenartig an. Kein Stubenwagen, in dem Toni gerade auf dem Bauch schläft und den kleinen Po nach oben streckt – stattdessen Aktenberge für den Steuerberater. Keine Kuscheltiere, die auf der Couch liegen, direkt neben Spucktuch und dem Kissen, das den bestickten Namen trägt – stattdessen ipad neben Modemagazinen und leeren Wasserflachen. Keine Schnuller auf dem Nachttisch, Milchfläschchen auf der Küchenzeile, frisch gewaschene Mini-Söckchen im Wäschekorb – stattdessen Fachbücher, Sachbücher und der Halsschmuck, den ich heute beim Kundenbesuch trug. Kein Singsang nachts, wenn mein Bruder den Kleinen in den Schlaf wiegt und dabei im Haus so manche Kilometer mit ihm auf dem Arm zurück legt – stattdessen meine geselligen Nachbarn, die noch immer ihre Grillparty feiern.

Ganz schön leer und still und einsam hier bei der Tante, stelle ich dann fest. So ohne Toni. Richtig bewusst wird mir das nicht im Alltag – aber dann, wenn ich meine Quality Time mit Toni hatte und danach zurück kehre in meine Realität.

Ich zähle die Stunden… dieses Mal dauert es nicht so lang… noch 80 Stunden, dann steige ich wieder ins Auto – zu Toni…

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