Poolparty

Die Engel sind schon da. Sie haben sich die besten Plätze gesichert, ihre blauen und roten Flügel erst sortiert, dann weit ausgebreitet, hübsch drapiert. Sie haben es sich bequem gemacht direkt neben den vier heiligen Aposteln. Lukas, Markus, Matthäus und Johannes sind in bester Garderobe erschienen und haben nicht vergessen, ihre vielen Tiere und Symbole mitzubringen. Hier oben, von dem Deckengewölbe der griechisch-orthodoxen Kirche, haben sie den besten Blick auf das Geschehen.

 

Während unten am Boden sich nun die Gäste einfinden, sich niederlassen auf den dunkelroten Samtbezügen der üppigen handgeschnitzten Kirchenbänke. Gold, wohin das Auge auch blickt. Gold hinter den Engeln, Gold zwischen den Evangelisten, Gold vor und neben und auf den Heiligen, über und unter den wunderschönen alten Ikonen, Gold als gigantische Verzierung, Gold als glänzender Rahmen, Gold in Gold. Für das Haus Gottes ist das Gute nicht gut genug, so scheint es. Das viele Gold vergegenwärtigt den Menschen das gleißende Strahlen, das schimmernde Glänzen, das leuchtende Funkeln, das schillernde Glitzern, das Glanzvolle der Herrlichkeit.

Hier also findet der erste Teil von Tonis Poolparty statt. Eine wunderbare Idee seiner Eltern, die Einladung zur Taufe unter diesem Motto zu gestalten. Und als hätten sie’s gewusst… Toni, von Sternzeichen Fische, wird auch hier in seinem Element Wasser voll aufgehen…

Der griechisch-orthodoxe Priester erscheint: Ein groß gewachsener, noch recht junger Mann, der durch seine stattliche Gestalt  und den strengen Gesichtsausdruck sofort die Präsenz im Raum für sich beansprucht. Doch das Gold ist stärker… Die dunkelbraunen welligen Haare hat er sich zum Zopf gebunden, der Bart ist auffällig gepflegt. Die Gäste erheben sich sofort von den Plätzen. Katholisch heißt so viel wie knien, orthodox bedeutet stehen – so hat es mich meine Schwägerin schon im Vorfeld gelehrt. Die Gemeinde steht die gesamte Zeit während der Taufzeremonie, so will es der Brauch, so will es die Kirche.

Schnell zeigt sich, dass bei den vielen Gebeten und Ritualen, Segnungen und besten Wünschen, bei der Anrufung aller Heiligen und unter der Anwesenheit des Göttlichen heute die Eltern so gar keine Rolle spielen. Sie stehen etwas abseits, in ihrem ganzen Stolz auf den Erstgeborenen, und verfolgen so wie die anderen auch die einzelnen Etappen der christlichen Weihe. Bedeutend sind heute die Taufpaten, die an den passenden Stellen etwas wiederholen und bezeugen, vervollständigen und vertiefen. Die mal das Kind halten und dann das Handtuch, mal mit der riesigen Taufkerze schrittweise um den Altar gehen, dann wieder innig die Hände falten. Und all jene, die weder des Griechischen noch Altgriechischen mächtig sind, wohnen dem huldvollen Singsang, dem beweihräucherten Murmeln und den wundersam klingenden Gebeten still und aufmerksam, neugierig und zwischenzeitlich etwas schläfrig bei. Was für eine Ehre, bei Tonis Taufe in diesen ehrwürdigen Hallen dabei zu sein!

Erst wird Toni vollständig entkleidet. Der kleine Nackedei wird vom Pater mit ausgestreckten Armen hoch in Richtung der Engel gehoben. Jetzt können alle Gäste einmal registrieren , dass es sich tatsächlich um einen Knaben handelt, an dem alles dran ist. Dann wird Toni vollständig eingeölt – jetzt kann die Poolparty beginnen. Ich halte den Atem an… Gleich wird Toni also drei Mal komplett im Taufbecken untergetaucht, inklusive Kopf. Aus der zweiten Reihe beobachte ich die Bewegungen des Priesters und versuche zu entschlüsseln, ob Toni denn nun schon im Wasser war – denn nichts ist zu hören, kein Schreien, kein Quengeln, kein einziger Laut. Ich trete ein paar Schritte aus der Kirchenbank heraus, um meinen Neffen nun etwas besser sehen zu können – und bin entzückt, wie gelassen er die ganze Szenerie so meistert. Völlig cool lässt Toni alles mit sich machen, beobachtet die schaukelnden Bewegungen.

Mein Bruder wird später erzählen, dass in dem Moment, in dem Toni ins Taufbecken abgelassen wurde, er mit den kleinen Händchen freudig überrascht auf die Wasseroberfläche schlug. Plitschi Platschi – so wie er es daheim aus der Badewanne kennt. Willkommen in deiner eigenen kleinen Wohlfühlzone, in deinem goldenen Wellnesstempel – inklusive Aufnahmeritual in die griechisch-orthodoxe Kirche, inklusive Eintrittskarte in eine christliche Religionsgemeinschaft.

Ich bin stolz und gerührt, einmal mehr zeigt Toni, was für ein ungewöhnliches Kind er ist. Ich begleite die Taufe mit großen Emotionen, reiße mich am Riemen, um die vielen Freudentränen im Zaum zu halten. Die Tante ist so sensibel, so nah am Wasser gebaut – bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen wäre ich ein wahrlich schlechter Redner, das alles berührt immer so stark mein Herz, dass sich Worte nicht mehr formen lassen. Und genau deshalb kommt es nach dem ersten Teil der Taufe in der Kirche so, wie es nun mal kommen muss…

Die Gäste nehmen den Weg ins Gemeindehaus, wo Kaffee und Kuchen warten. Die Taufpaten und die restliche Familie schließt sich an. Meine Schwägerin hat sich in ein kleines Hinterzimmer zurückgezogen, um Toni zu stillen. Ich sitze in der hintersten Kirchenbank, spüre den warmen weichen Samt unter mir und genieße die Anwesenheit der Engel. Plötzlich kommt der Prister ums Eck, ich gehe ihm einige Schritte entgegen, reiche ihm die Hand und sage nur „Danke“. Er steht groß wie ein Baum vor mir, seine wachen Augen schauen noch immer streng. „Wofür?“ – antwortet er. Ich bin völlig perplex. „Sie wollen wissen, wofür ich mich bei Ihnen bedanke?“, frage ich etwas irritiert nach.

Weiß er das denn nicht? Dass ich mich bedanken will für die vielen guten Wünsche, die er Toni mit gibt auf seinen Lebensweg? Für den Segen und die Gebete, die ihn ab heute begleiten werden? Für den Draht zu Gott, den er ihm gelegt hat? Für die Brücke zur Religion, deren ersten Stein er heute gemauert hat? Für die Energie, den Mut, die Kraft und Stärke, die Liebe und Zuneigung, die Offenheit und Herzlichkeit, die Großzügigkeit und Wissbegierde, die dem kleinen Kerl mit dem Ritual der Taufe eröffnet werden? Wieso weiß er das nicht? Warum fragt er nur nach?

Mit großen Augen schaue ich den Priester an. Versuche, meine Gedanken zu ordnen, meine Worte parat zu legen und die vielen Gefühle unter Deck zu halten. Nichts davon gelingt mir. Stattdessen bricht die Tante in Tränen aus – jetzt also doch. Der Pater schaut mich an, macht keinerlei weitere Anstalten, setzt seinen Weg zum Ausgang der Kirche fort und hinterlässt mich mit nur einem einzigen Wort: „Verstehe!“

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