The Milky Way Of Life

Ich fühle mich nur noch wie eine Milchbar, sagt meine Schwägerin. Sie sagt es mit einem Schmunzeln in den Augen und doch hat es auch ein wenig etwas an Ernsthaftigkeit in der Stimme. Tatsächlich dreht sich alles derzeit nur um die Milch. Der ganze Tagesablauf richtet sich nach der Milch. Denn kaum hat Toni seine Portion Milch bekommen, tickt auch schon die Uhr: Jetzt mal schnell zum Bäcker fahren und Brötchen holen, die Wäsche in den Trockner werfen, einen frischen Tee kochen, die Rechnungen sortieren, endlich Mal Zähne putzen und – hach, schon ist die Zeit wieder um, Toni verlangt nach Milch. Eigentlich wunderbar, wie einfach das Leben so sein kann. Die einzige Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie sich der kleine Bauch anfühlt – satt und zufrieden? Oder doch schon wieder leer, was irgendwie zwickt und drückt und grummelt und sich ziemlich doof anfühlt. Das Leben läuft nach Instinkt – und dieser zielt einzig und alleine ab auf Milch.

Meine Schwägerin sieht es schon lange vorher, beim Blick auf die Uhr und auch, wie sich das kleine Gesicht verändert, welche Mimik Toni aufsetzt, wie er seine Lippen spitzt und kleine Grübchen an den Mundwinkeln entstehen, wie sich die Nasenspitze hin und her bewegt. Jetzt hat er gleich Hunger, prognostiziert sie, legt das nur halb fertig gegessene Marmeladenbrötchen zur Seite, hält Ausschau nach dem schrill bunten Stillkissen und macht ganz ohne weitere Worte winkende Handbewegungen, die so was heißen wie: Gib ihn her, hier an die Quelle der Milch, besser du beeilst dich. Und nur Sekunden später äußert sich Toni lautstark und eindeutig: Milch her!

Für mich als Tante ist diese intime Zweisamkeit zwischen Mutter und Kind wie das Gemälde eines holländischen Meisters. Ein bezauberndes Stilleben, das jedes Mal aufs Neue ein wenig verändert aussieht, während doch am Grundaufbau kaum etwas verschoben wird. Die Gruppierung der zwei Menschen auf diesem Bild passiert nach den perfekten ästhetischen Gesichtspunkten und so harmonisch, dass ich mich daran gar nicht satt sehen kann. Alles ist in einem Moment der völligen Ruhe und des absoluten Friedens erstarrt, als ob Toni und seine Mutter nicht einmal atmen, sich kaum merklich bewegen. Der sanfte Blick meiner Schwägerin auf das Kind, die kleine Handbewegung, um den Trinkenden in der passenden Position zu halten, das liebevolle Lächeln, die Minuten der Verzückung. Und nur wenn ein unscheinbares glucksendes Schluckgeräusch (oder manchmal ist es auch ein kaum überhörbarer Pups) dem Kind entweicht, erinnere ich mich daran, dass ich nicht in einem Museum sitze vor einem gelungenen Jahrhundert-Kunstwerk. Die kleine regungslose Szene erwacht spätestens dann, wenn meine Schwägerin eine Hand weit ausstreckt und zur Küche zeigt: Wasser! Ich brauche Wasser!

Dass sich alles um Milch dreht, ist übrigens die beste Entschuldigung, um sich aus unliebsamer oder anstrengender Gesellschaft zu entfernen. Wenn am Sonntag Nachmittag die Freundinnen und Bekannten, die halbe Familie von der einen Seite und die andere Hälfte von der anderen Verwandtschaft plus noch diverse Nachbarn das Zuhause bevölkern, wirkt die Sache mit der Milch wie ein wunderbares Ich-mache-mich-mal-davon-Rezept. Es ist wieder Zeit für Milch – eine klare Ansage, mit der sich Mutter und Kind in das obere Stockwerk und in die Privatsphäre zurückziehen können. Ja ist denn schon wieder Milch-Zeit? Keiner der Gäste kann den wahren Turnus nachvollziehen. Ach wie herrlich, für einige Minuten dem Trubel und der Konversation zu entfliehen, hinein zu tauchen in die Stille und Zweisamkeit, in der nur die Milch im Mittepunkt steht. Das exravagante Privileg der Tante: Ich darf mit – auch wenn die Milch mit mir nichts zu tun hat. Noch nicht – denn bald kommt ja die Sache mit den Fläschchen…

Weiser Guru, was ist der Sinn des Lebens? – Milk!

  Quelle: goFeminin

https://www.facebook.com/goFeminin/videos/1655132237854243/

 

 

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