Die Matrix lässt grüßen

Eine durch und durch düstere Umgebung. Zwischen schwarzen, glänzenden Kabeln hängen kleine, rot erleuchtete Waben, in denen sich Menschen verschiedener Altersklassen tummeln. Sie scheinen zu schlafen, vielleicht auch zu träumen. Der Blick öffnet sich für eine deckenlose Halle – überall Kabel und Waben, ein Labyrinth aus elektrischen Adern, pulsierend lebendig. Dazwischen monströse Maschinen und eine bedrückende, beklemmende Atmosphäre. Gigantische Roboter sind hier am Werk – inmitten des riesigen Kraftwerks. Angetrieben von den Menschen, die als Batterien dienen und den exorbitanten Maschinen, die hier – in der Zukunft – die Weltherrschaft übernommen haben. Dann der Fokus auf Neo: An seinem Körper sind gleich mehrere Anschlüsse zu sehen, aus denen gerippte Schläuche wachsen…

Gerade schickt mein Bruder ein Bild von Toni. Der Kleine liegt auf einer weißen Liege, der gestreifte Strampelanzug ist ausgezogen und legt den winzigen Oberkörper und die voluminöse Windel frei. Die kleine Brust, die Ärmchen und Beinchen sind über und über bedeckt mit Kabelsalat. Viel zu große medizinische Tentakel greifen nach Toni, von den Anschluss-Stellen auf der Haut gehen die schwarzen glatten Schläuche ab – hin zu den Maschinen. C3 – C4 – C5 – alles hat seine fein säuberliche Beschriftung.

Ich erschrecke. Mir schauert’s. Mein Bruder schickt direkt die Live-Aufnahme aus der Praxis des Kinder-Kardiologen. Ich reiße die Augen auf. Nicht, dass ich schon seit einer Woche deswegen unruhig bin. Seit dem ich weiß, dass Toni untersucht wird. Dass die Ärzte im Krankenhaus etwas sagten vonwegen das kleine Herz… Mein Bruder lässt nur Mosaikbausteine an Informationen raus und ich schreibe es in den Kalender: Toni beim Kinder-Kardiologen. Und zähle voller Sorgen die Tage, bis das Datum endlich da ist und hoffentlich schnell vorüber geht. Bloß an nichts Schlechtes denken, so war die klippundklare Ansage meines Bruders. Wie Recht er ja hat. Wäre es etwas Ernstes, dann hätten die den Termin viel früher gelegt… Ach ja, bloß positiv denken jetzt…

Bei dem Anblick von Toni zwischen den unzähligen Kabeln friert mir dennoch der Atem ein. Das alles erinnert mich an genau diese Szenerie aus Matrix. Vonwegen Science Fiction: Die Maschinen sind mitten unter uns – und gerade  wickeln sich Stränge und Drähte und Leitungen und Verbindungen und Netzwerke und Schnüre und Bindungen um Toni. Wie schrecklich ist das denn!!!

Alles ok, simst mein Bruder. Das wächst sich raus. Er meint die kleine Geschichte da am Herzen – nicht die Kabel. Die sind längst wieder ab. Alle prima, schreibt er. Das wussten wir ohnehin schon. Das war nur ein kleiner medizinischer Check. Und Toni hat völlig entspannt und mit großen neugierigen Augen den Kinder-Kardiologen machen lassen. Ohne einen Schrei, ohne einen Pieps, ohne eine Beschwerde. Dann kann die Zukunft ja kommen…

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