Ringelmütze für Lebensanfänger

Ein Krankenhaus hat etwas Furchterregendes. Die langen weißen Flure, die Geschirrwagen mit den Plastikhauben über den Tellern, der Geruch als eine Mischung aus Chlor und Putzmitteln, die weiß gekleideten Gestalten, die mit unbekannten Werkzeugen in der Hand und um den Hals von hier nach da huschen. Dann endlich das ersehnte Zimmer, beim Eintreten absolute Stille. Das erste, was ich sehe, sind bunte Luftballons, meine lächelnde Schwägerin und im Bett daneben mein Bruder, gechilled zwischen den weißen Laken und mit dem kleinen Bündel Leben auf der Brust.

Am Anfang traue ich mich nicht einmal, Toni zu streicheln oder zu küssen – das wird sich später sehr bald ändern. Das schlafende Kind ist eine ganz besondere Schönheit! Und schon geht’s los: Die geschlossenen Augen kräuseln sich zusammen, die Stupsnase zuckt, die Gesichtsfarbe wird rosaröter und die winzigen Lippen beginnen zu beben und zu flattern. Hunger! Hunger! Noch mehr Hunger!

Das ganze Drumherum managed mein Bruder, als hätte er nie etwas anderes gemacht als Konzerne geleitet, Menschen deligiert, den wichtigsten Schatz des Unternehmens selbst im Griff. Er weist die Besucher an, woe sie Platz nehmen können, erzählt über die Geburt und gibt die wichtigsten Daten wie Gewicht und Größe preis, verschwindet ab und an mit Toni nach nebenan, um ihn dort liebevoll und mit sanften Handgriffen zu wickeln, bringt den zufriedenen Nachwuchs zurück, um ihn dann gerecht zu verteilen auf Großeltern, Freunde und Bekannte – jeder darf ein paar Minuten den Kleinen in den Armen halten, wiegen, anstrahlen, begeistert sein, leider wieder abgeben.

Tante Simone hat große Bedenken: wie nehmen, wie drehen, wie halten, wie schaukeln, wie kuscheln, wie nicht runter fallen lassen, wie vorsichtig sein, wie fest, wie lang, wie genau? Einfach machen, sagt mein stolzer Bruder. Toni auf dem Arm – das Leichtgewicht an Leben, das perfekte Glück, das einzigartige Erlebnis, das stundenlang dauern könnte – solange eben, bis die Lippen wieder beben…

Toni im Arm. Er trägt die selbst gehäkelte Ringelmütze, ein Geschenk der Klinik – in der Ausführung weiß-rot also wie bei Pommees Schranke. Toni im Arm am Mittwoch. Toni im Arm am Donnerstag. Und kaum liegt Toni nicht mehr in meinem Arm, habe ich schlimmste Entzugserscheinungen…

2 thoughts on Ringelmütze für Lebensanfänger

  1. Vielen lieben Dank, liebe Janka!
    Ich glaube, nach so viel salzigen Tränen wird es jetzt mal Zeit für süßes Lachen 🙂
    Ich strenge mich an…

  2. Hallo Simone,

    das ist ja soo süß geschrieben!
    Da sind mir glatt die Tränchen gekommen!!
    Genauso ist das Gefühl, wenn man Mutter oder Tante wird;-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.