HATSCHI

 

 

 

 

 

 

Um diesen Blogbeitrag schleiche ich schon länger herum. Warum? Weil mir die Worte fehlen – und das will was heißen. Ich wollte die Headline ursprünglich „Wenn Toni lacht“ nennen. Denn genau darum geht es hier…

Toni und ich hatten zwischenzeitlich eine ganze Reihe an super Begegnungen, bei denen ich es mir zur Aufgabe gemacht habe, ihn zum Lachen zu bringen. Denn ich liebe es so sehr, wenn Toni lacht. Einmal, als es mir besonders gelungen ist, habe ich währenddessen ein Handyvideo gedreht – und immer, wenn ich schlechte Laune habe oder es mir an einem Tag noch besser gehen soll, schaue ich diese paar Sekunden an. Und wenn ich Toni lachen sehe, geht mein Herz auf, legt sich ein breites Grinsen auf mein Gesicht, spüre ich ein plötzliches Strahlen. Und mit wem ich es besonders gut meine, dem halte ich mein Handy mit dem Video unter die Nase – Lachen ist ja bekanntlich gesund.

Doch wie beschreibt man Kinderlachen? Ich komme an meine Grenzen. Ja, es ist eine Mischung aus quieken und quietschen, fiepen und frönen, kreischen und kringeln, jauchzen und jubeln. Ich suche angestrengt nach Vergleichen für dieses infantile Frohlocken,  das Gackern und Grölen, das Wiehern und Piepsen, das Ziepen und Zirpen. Noch immer treffe ich nicht den Ton. Vielleicht kann ich es als girrendes oder glucksendes Geräusch beschreiben, als Schilpen und Zwitschern, als Krakeelen und Feixen? Mal mündet es in einem belustigten Kichern, auf jeden Fall immer in einem spaßigen Schäkern.

Der Geheimtipp meiner Schwägerin ist das Wort „Käsefüße“. Möglichst mit einhundert „ä“ in einem Singsang betont, reagiert Toni mit einem herzhaften Lachen. Oder wenn die Oma ihn beim Namen ruft, und ein schrilles „i“ an das Ende setzt, das eine gefühlte Ewigkeit nachhallt. Aber die Tante hat das Wort gefunden, das am allerbesten funktioniert: HATSCHI!

Mit einem HATSCHI kann ich bei Toni den versteckten Knopf einschalten, durch den er sofort auf eine wahre Lach-Zeremonie umschaltet. Auf das erste HATSCHI dreht er sofort den Kopf zur Quelle seines Lieblingswortes und strahlt mich sanft an. Konzentriert wartet er auf mehr. Das zweite HATSCHI löst einen hellen Aufschrei aus und ein riesiges Grinsen. Die kleine Nase kräuselt sich dabei, die Augen glänzen.  Jetzt probiere ich es aus, mit einem schnellen HATSCHI und einem lang gedehnten HHHAAATSCHHHHIIIEEEEEEE. Vor allem die Gewissheit, dass da weitere Lautmalerei folgt, gefällt Toni. Wie eine kleine Sirene geht seine Stimme mit seinem Lachen weit nach oben, flaut dann behutsam wieder ab, um nach dem nächsten HATSCHI sich gleich wieder aufzubäumen in einem seelenbetörenden Ton. Wie ein gurgelndes Girren kommt sein Lachen ganz tief aus dem Bauch, durchströmt den winzigen Körper, holt sich Atem und Kraft aus den kleinen Lungen, um dann mit voller Energie den weit geöffneten Kindermund zu verlassen und den ganzen Raum zu durchdringen.

HATSCHI erinnert mich an einen der sieben Zwerge bei Disneys Schneewittchen. So ein kleiner schmuddeliger Kerl mit lässigem Kleiderstil und der gelben Zipfelmütze. Ich weiß noch genau, wie sich HATSCHI immer den Zeigefinder unter der riesigen roten Knollennase reiben musste. Vermutlich hat es doch was mit dem Koksen zu tun, aber als Kind ist das nicht wirklich wichtig. Dass der Zwerg durch seinen Heuschnupfen ständig von Niesanfällen heimgesucht wurde und jedes HATSCHI so stark war, dass sogar Gegenstände weggepustet wurden und mal kurz durch die Luft flogen, machte beim Zuschauen auf jeden Fall großen Spaß.

Oder die Hörspiele mit HATSCHIPUH, dem frechen Butzemann, der in so manchem Versteck aber immer in der Nähe der Menschen lebt und so manches Abenteuer bestehen muss. Oder HATSCHI aus Asterix – das Indianermädchen, das Obelix mitten im fernen Amerika von einer stürmischen Büffelherde rettet. Apropos Indianer: HADSCHI Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah dürfte so manchem aus den Karl May Büchern oder den Winnetou Filmen bekannt sein. Überall dort, wo es orientalisch wird, darf der kleine Mann mit dem riesigen Turban nicht fehlen.

HATSCHI hat also durchaus eine Berechtigung – erst recht, um Toni zum Lachen zu bringen.

Nur neulich, da war Toni ganz und gar nicht zum Lachen zu Mute. Und kein HATSCHI der Welt hätte ihn dazu bewegen können, das kleine niedliche Gesicht zu verziehen. An diesem Tag erwachte er zwischen weinenden Menschen. Er hörte, wie die Oma laut weinte. Und er wurde von seiner Mutter im Arm gehalten, die während dessen viel weinte. Und sogar wenn sein Vater ihm auf der Wickelkommode eine frische Windel verpasste, sah und hörte er die Erwachsenen weinen. Die Tante, die sich irgendwann die Tränen weg gewischt hatte, versuchte es mal mit einem Lächeln, aber so richtig wollte das heute nicht klappen.

Toni war an diesem Tag sehr ernst. Er schaute sich mit großen Augen die Weinenden an, ohne auch nur einen einzigen Mucks von sich zu geben. In dieser Atmosphäre wurde er völlig still. Kein Quengeln, kein Wimmern, kein Lachen. Er spürte, dass an diesem Tag etwas anders war bei ihm daheim. Und dass es heute nicht Zeit war, um sich in den Vordergrund zu rücken, um überhaupt irgendwie aufzufallen oder sichtbar zu sein. Toni blieb einfach nur brav und wunderte sich, warum die sonst so fröhlichen und gut gelaunten Menschen in seiner Nähe heute so völlig anders waren.

Und nachdem am nächsten Morgen sein Opa Onassis von den Bestattern aus dem Haus getragen wurde, war allen Anwesenden klar, dass es noch eine kleine Weile dauern würde, bis das Lachen auf die Gesichter wieder zurück kehren würde.

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