Glück am Morgen

 

 

 

 

Also ich – habe gut geschlafen. Sehr gut. Nächtliche Eskapaden? Die Türe war zu, habe ich nichts mitbekommen. Wenn Toni seinen Eltern mal etwas wenig Schlaf gönnt, betrifft das die Tante nicht. Gar nicht. Das ist der Vorteil an dieser Rolle. Und die positiven Faktoren setzen sich am Morgen weiter fort: Wenn ich bei Toni übernachtet habe, steht irgendwann so um 7, 8 oder 9 Uhr (je nachdem, wie die nächtlichen Spektakel so ausgefallen sind) meine Schwägerin in der Tür – mit Toni auf dem Arm. Beide lugen vorsichtig herein, ob die Tante denn schon wach ist – und bereit für Kuschelzeit. Das bin ich sofort! Da muss mich keiner zwei Mal fragen…

Also wird Toni behutsam neben mich gelegt. Gefüttert und frisch gewickelt ist er längst. Und hat super gute Laune. Mit großen Augen schaut er sich um und dann mich an. Schlechter Atem? Zerzaustes Haar? Zerknirschte Gesichtszüge? Das alles scheint diesen kleinen Mann so gar nicht zu interessieren. Stattdessen wartet er auf erste Gesprächsthemen, auf bisschen mehr Aufmerksamkeit, im Bestfall auf ein paar lustige Grimassen und schräge Wortakrobatiken, die die Tante so toll kann. Hast du gut geschlafen, kleiner Toni? Was hast du denn geträumt? Warum hast du deine Mutter denn um 3 Uhr nachts geweckt? Ach so, du wolltest spielen und unterhalten werden – ganz verständlich… Und Toni brabbelt und blubbert, dreht die Laute und Buchstaben in seinem kleinen Mund hin und her, macht einen konzentrierten Gesichtsausdruck, holt tief Luft, seufzt glücklich und streckt beide Beine fest angewinkelt in die Höhe.

Eine ganze Weile hält er es jetzt schon bei der Tante aus. Wir liegen da so rum, schauen an die Decke oder uns gegenseitig an, lauschen den Geräuschen von draußen. Ich stelle kluge Fragen, die Toni wahlweise mit einem breiten Grinsen, Unterlippe-unter-Oberlippe-verstecken oder Kinn-kräuselnd-vorschieben beantwortet. Ich singe ein paar Kinderlieder, von denen mir meistens nur die ersten zwei Zeilen der ersten Strophe einfallen und die ich dann entweder frei weiter dichte (wozu hat man denn studiert…) oder in Summen münden lasse – manchmal in Melodien, die mit dem Ursprung gar nichts zu tun haben.

Toni ist derzeit dankbar für alles, was Geräusche macht. Sogar für eine unfrisierte, ungewaschene und ungeschminkte Tante am frühen Morgen.

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