Glück am Abend

Der Tag geht langsam zu Ende. Wenn ich bei Toni übernachten kann, darf ich die vielen kleinen Abendrituale miterleben und genießen.

Ab in die Wanne! Nackt sein ist ein unvergleichliches Erlebnis. Schon beim Windelnwechseln, wenn der Strampelanzug aufgeknöpft und die Pampers runter kommt, strahlt Toni. Tausend Küsse auf den kleinen nackten Bauch? Jipppiiiieeee! Lustige Mampfgeräusche der großen Leute beim Knabbern an den winzigen Füßen? Juhhhhuuuuuuu! Und noch besser fühlt es sich doch an, wenn an den speckigen Oberschenkeln die Erwachsenen zwischen Lippen und Haut so eigenartige Pust-Furz-Spektakel veranstalten. Krakeeeeeeel! Übertroffen wird das nur noch durch das sanfte Schaukeln auf der Wasseroberfläche, sorglos ruhend auf der Hand des Vaters und gleichzeitig fröhlich aufgeregt bei den Plitsch-Platsch-Bewegungen im nassen Element.

In ein riesiges grünes Frottee gehüllt, auf dem ein rundes Froschgesicht grinst, geht es für Toni jetzt auf die Wickelkommode. Der warme Luftstrom des Föhns verscheucht auch die letzten Wassertropfen und lenkt nur zweitrangig davon ab, dass jetzt die Klamotten wieder drauf kommen. Wenige Minuten später versammeln sich dann alle im King-Size-Bett unter folgender Spielfeld-Formation: Meine Schwägerin außen links, die Brille auf die Nase gezogen, die schwarzen Haare zum Knoten gedreht und den Blick auf das Handy gerichtet, endlich mal Teil der Community sein nach einem 100 % Babytag. Mein Bruder außen rechts, schweigsam und müde, nachdem er den ganzen Tag an seiner neuen Terrasse gebaut und dazwischen noch für die Familie gegrillt hat, endlich froh, die neueste Folge von Game of Thrones zu erwischen. In der Mitte oben Toni, den Blick auf sein Mobile (Marke Eigenbau) gerichtet, das aus einem Ring mit kleinen Schnabeltieren, einem Spieluhr-Teddy und einer knallroten Iron Man-Figur zusammengestellt wurde. Sobald die Mama an der Schnur zieht, startet auch schon die La-Le-Lu-Melodie. Und was noch viel besser ist: Dann erreicht Toni die Beine und Arme von Iron Man – und steck sie genüsslich zutzelnd in den kleinen Mund.

In der Mitte unten robbe ich dann noch ins Bett, nähere mich dem kleinen Mann, schaue ihm dabei zu, wie er mit großen Augen konzentriert und aufmerksam den Spielfiguren folgt, um so dem Sandmännchen keine Chance zu lassen. Idyllisches Familien-Stillleben – heute inklusive Tante. Für mich das totale abendliche Glück. Ein bisschen knuddeln hier, ein bisschen kuscheln da, das Greifen beobachten und die wechselnden Gesichtszüge, die Strampelbewegungen in ausgelassener Freude, das wohlige Miteinander, das vertrauensvolle Beisammensein in der Höhle, der Clan am wärmenden Feuer – nur eben ohne Höhle. Und ohne Feuer.

Dann irgendwann liegt Toni ganz nahe bei seiner Mutter, die ihn vorsichtig mit ihrer Nase im kleinen Gesicht liebkost, dabei leise summend. In dieser einzigartigen Nähe, zwischen dem süßlichen Geruch von Milch und Haut, frischer Bettwäsche und Babyöl ist es dann doch ganz einfach, endlich die mächtige Müdigkeit zuzulassen, den kleinen Körper in der Seitenlage zusammen zu rollen, die Augen zu schließen, den Tag gehen und die Träume kommen zu lassen.

Glück kann ja so einfach sein. Gute Nacht, kleiner Toni!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.