Geschenk des Himmels

Derzeit läuft es bei mir in etwa so wie in der Fabel vom Wettlauf zwischen Hase und Igel: Während der eine rennt und sich anstrengt, ist der andere längst da. Ganz egal, wie sich der Hase auch bemüht – der Igel hat es clever eingefädelt und hat damit stets die Nase im Ziel. Im übertragenen Sinne ist es ja so: Egal, was ich für Toni besorgen will – es ist schon da.

Als er aus dem Krankenhaus nach Hause kam, war das Kinderzimmer schon eingerichtet. Im Auto war der Kindersitz montiert. Der Maxi Cosi stand für die ersten Ausflüge bereit. Die Sammlung an Schnullern, Fläschchen, Windeln und Babypflegetüchern hatte ebenso längst Einzug im Haushalt gehalten wie kistenweise Zufüttermilch, Strampelanzüge und Spucktücher. Als es darum ging, eine Babywippe zu besorgen, war ich einfach nicht schnell genug. Das coole Bobbycar steht schon – noch originalverpackt – oben auf dem Schrank. Das Trage-Wickel-Um-Den-Bauch-Oder-Auf-Den-Rücken-System hatte mein Bruder gerade online bestellt – in der zur Garderobe passenden Farbe. Und obwohl ich es artikuliert hatte, rechtzeitig den Kinderhochstuhl neben den Esstisch besorgen zu wollen, war – schwupps – bei meinem nächsten Besuch genau dieser im Esszimmer präsent, sogar inklusive Namensgravur auf der Rücklehne. Ach ja, und der Babyschwimmkurs ist auch schon gebucht – sehr zu meinem Ärgernis, da ich als echte Wasserratte das doch eigentlich dem Kleinen schenken wollte…

Darf ich das besorgen? Darf ich jenes kaufen? Ich würde doch so gerne mal etwas mitbringen, was Toni wirklich gebrauchen kann, wovon er länger etwas hat, was sinnvoll ist… Keine Chance. Mein Bruder ist – wie der Igel – immer schneller. Wenn ich mich dann missmutig beschwere, dass ich schon wieder einmal nicht zum Zug kam, um als Tante endlich mal ein großes Geschenk machen zu können, dann lächelt mich mein Bruder nur an. Und hat zwei Argumente parat, die nur schwer zu entkräften sind.

Argument Nummer 1: Schenke ihm lieber deine Zeit, da hat er mehr davon.
Argument Nummer 2: Er wird später noch oft genug bei dir anklopfen, dass du ihm was Tolles kaufen sollst.

Das erste Argument erinnert mich an Ralph Waldo Emerson, der sagte: „Das größte Geschenk ist ein Stück von dir.“ Tatsächlich ist es so. Und selbstverständlich widme ich Toni meine Zeit, meine Zuneigung, meine Aufmerksamkeit. So gut ich es hin bekomme, so gut es der Terminkalender zulässt und so gut ich das eben als Anfänger-Tante kann. Und doch will ich mehr tun, präsenter sein durch Präsente, ihn irgendwie jeden Tag begleiten durch etwas, das er nutzt und das von mir kommt – ja klar, und auch von Herzen.

Wie sagte schon Friedrich der Große: „Ein wahrer Freund ist ein Geschenk des Himmels.“ Also werde ich als Tante ein wahrer Freund sein – und mich darauf jetzt schon freuen, wenn Argument 2 zutrifft, nämlich dann, wenn Toni mit mir unterwegs ist und alles das bekommt, was er haben möchte: die Turnschuhe, die gerade cool sind, das Happy Meal bei McDonalds, noch eine extra Runde auf dem Kinderkarussell, sooooooo viel Popcorn im Kino und sooooo lange aufbleiben, bis der Hahn kräht. Ach ja – und das alles in Verbindung mit Quality-Time und wahrer Liebe, versteht sich…

So richtig zufrieden stellt mich das derzeit allerdings nicht. Doch als coole Tante sorge ich jetzt vor: ich kaufe die Klamotten ein paar Nummern größer, denke immer schon eine Saison voraus und platziere in allen erdenklichen Gesprächen den Hinweis, dass ich für das erste Fahrrad und den Schulranzen zuständig bin!

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