Die Lochis googeln – Gastbeitrag von Christine Deger

Ich bin Tante – Patentante. Seit 12 Jahren. Damals war ich in einer persönlichen Krisensituation und die Eltern meines heutigen Patenkindes haben mir die Begleitung ihres ersten Kindes anvertraut. Wie schön! Ich genieße das und bin ihnen sehr dankbar dafür. Damals hat mich das auch aus meiner Höhle geholt und mir wieder Mut auf das Leben gemacht. So ein kleiner Knirps – der wirbelt das Leben mal kräftig durcheinander und fordert einen ganz schön heraus.

Der Knirps ist inzwischen 12 Jahre alt. Ein kluges Kind, das sich Gedanken über die Welt macht und eine Faszination für alles Virtuelle entwickelt. Wie bei vielen Kindern in diesem Alter ist Handy, iPad und Co. sehr interessant. Und das, was früher die Playstation, der Fernseher oder die ersten Computerspiele waren, sind heute Social Media Accounts. Und YouTube. Und ich als Tante weiß jetzt Bescheid…

Neulich war meine Patenkind am Wochenende bei mir (inklusive Übernachtung). Er spielt Klavier und Trompete, singt im Chor und interessiert sich fürs Komponieren (am Computer). Außerdem spielt er Fussball (ohne großen Ehrgeiz) und geht schwimmen. Er ist jetzt also keines dieser Kinder, die nur vor dem Fernseher oder dem Computer sitzen. Seine Internetnutzung ist streng geregelt und limitiert. In den Ferien gibt’s mehr Zeit am Gerät als während der Schulzeit.

Beim gemeinsamen Kochen und Essen ergab sich folgender Dialog:

  • Patenkind: Bei mir in der Schule ist einer, der ist Youtubber. Der hat voll viele Follower.
  • Tante: Mh – was macht er denn so – der Youtubber?
  • Patenkind: Na der ist Youtubber – er hat sich erst neulich eine Drohne gekauft und macht so Bilder und Filme.
  • Tante: Okay, ist ja interessant – aber wozu macht er das? Also was ist der Inhalt?
  • Patenkind: Na Youtubber halt – voll cool! Der hat son Kanal – da zeigt er halt die Filme von der Drohne und voll coole Sachen, er lädt die Videos hoch.
  • Tante: Ja okay, aber was erzählt er in seinen Videos? Hat er irgendein besonderes Hobby oder sowas? Wie zum Beispiel diese eine bekannte Frau Bibi, die erzählt was über Schminken und Kosmetik und so Zeug – macht er das auch – über das Schminken erzählen?
  • Patenkind: Nein – das ist nicht. (Er runzelt die Stirn und denkt nach. Dann ein Leuchten in seinen Augen). Antwort: Er hat die Lochis interviewt und die haben dann erzählt, dass sie einen Film drehen – das war voll neu und das wusste noch keiner.
  • Tante (grübelt und versucht sich zu erinnern, wer zum Teufel „die Lochis“ sind – sie wird das später heimlich googeln): Okay – also ist er eine Art Journalist und interviewt Menschen um Neuigkeiten zu erfahren?
  • Patenkind: Nein, das war Zufall – das wusste halt keiner und er hat sie interviewt und da haben sie das gesagt. Dadurch ist er erst so richtig berühmt geworden.
  • Tante: Ah-ha, mmhh – was sagen denn seine Eltern dazu? Erlauben die das alles, was er macht?
  • Patenkind: Ja, der ist ja schon älter – in der 10ten Klasse und der verdient bald Geld damit – ab 100.000 Follower oder Abonnenten kann man davon leben. Manche Sachen fanden die nicht so toll, wenn er so Streiche gemacht hat und so.
  • Tante: Ist ja interessant – und findest du das erstrebenswert, Youtubber zu werden?
  • Patenkind: Er hat ne Drohne gekauft – und naja ist schon cool – der rennt halt rum und filmt, stellt das dann auf YouTube und kriegt Geld dafür – einfach so.
  • Tante: Das ist ja dann ein ganz neues Berufsbild – das gibt’s erst seit kurzer Zeit, dass schon Jugendliche so ihr Geld verdienen. Braucht man dazu eigentlich noch eine Ausbildung?
  • Patenkind: Nö – du musst halt cool sein und Vlogs machen. Dich mit Technik auskennen und mit Filmschnitt – außerdem braucht es Mut.

Ich war sprachlos und hatte irgendwie das Gefühl, doch älter zu werden und nicht mehr alles so mit zu bekommen, was in der Welt der Kids so passiert. Ob das alles so erstrebenswert ist? Mich fasziniert die Selbstverständlichkeit, mit der sich mein Patenkind zwischen der ganz realen Welt (Singen, Klavierspielen, Fußball, Kartenspiele und Zoff mit der Schwester) und der virtuellen Welt (Youtube, Twitter Account, Programmierung und Spiele auf dem iPad/Computer) bewegt. Ganz fließend und spielerisch gestaltet er die Übergänge und erzählt mal von den realen und mal von virtuellen Erlebnissen. Wenn ich nicht genau zuhöre, verpasse ich was. Das geht so rasch und reibungslos. Chapeau – echt reife Hirnleistung, mein liebes Patenkind.

Ich bin beeindruckt und habe Freude daran, ihn zu begleiten. Auch wenn das manchmal etwas seltsame Dialoge und Denkweisen beeinhaltet. Das hält mich jung und es macht das Leben interessant. Ein dickes Danke an die Eltern, die mich so am Leben ihres Sohnes teilhaben lassen.

Übrigens: VLogs – diesen Begriff hat die Tante Christine später dann noch schnell gegoogelt…

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