Erste Schritte

Sooooooooo klein waren Tonis Füße nach seiner Geburt. Und heute? Da entdeckt der kleine Kerl, dass man sich damit sogar fortbewegen kann! „Toni läuft! Es sieht aus, als sei er betrunken! So lustig!“ – Diese Whatsapp Nachricht von meinem Bruder lässt mein Herz höher schlagen…

Das letzte Mal, als ich Toni sah, hatte er es schon raus, wie er sich ruckizucki am Wohnzimmertisch, den Küchenfronten, seinem Hochstuhl oder wahlweise an Mama oder Papa hochziehen kann. In immer festeren Schritten bewegte er sich dann reihum, ließ da und dort auch mal eine Hand los und wurde immer sicherer auf zwei Beinen. Und jetzt ist es also so weit? Toni läuft ganz alleine? Ich bin ja soooo gespannt… Nichts wie los, Toni besuchen, das muss die Tante schleunigst sehen!

Nach dem Begrüßungsküsschen, auf das ich mich schon seit Wochen freue, stellt meine Schwägerin Toni vorsichtig und behutsam auf dem Parkett ab, geht mit mir einige Schritte weiter – und da schau an: Toni geht trippeltrappel ganz eigene Schritte! Und ja, mein Bruder hatte völlig recht: Wenn er mit den kleinen Füßen und den noch etwas zittrigen Beinchen so einen Schritt vor den anderen tut, wackelt er mit der Hüfte, macht dabei ein konzentriertes ernstes Gesicht und hält die Hände weit nach oben in die Luft gestreckt, um das Gleichgewicht zu halten. Als käme er gerade aus Moe’s Bar, als habe er sich ordnetlich einen eingeschenkt und als schwenke er eine unsichtbare Bierflasche torkelnd durch die Luft. So lustig!

Der allerschönste Moment ist der, wenn Toni dann ankommt – in den Armen seiner Mutter, freudestrahlend und stolz über das, was er gerade geschafft hat. Mit großen Augen  schaut er sich um: Haben das alle gerade gesehen? Ich bin gelaufen, ganz alleine – denkt er sich vermutlich dann und lacht laut auf.

Gerade hat Toni sich wieder einmal am TV-Regal auf seine zwei Beine hochgerappelt  und schaut neugierig im Zimmer herum, wo er jetzt so hinlaufen könnte, welche Ecken er noch nicht erkundet hat oder wo er sich mal wieder blicken lassen will. Was für ein besonderes Gefühl, wenn ich ihm die Hand reiche, er seine kleine Hand ausstreckt und wie selbstverständlich dann in meine legt, mit einem liebevollen Blick von da unten zu mir nach oben schaut, ich ihm ein vertrauenserweckendes Nicken gebe und wir dann losmarschieren – einmal quer durch das Wohnzimmer, eine Runde um den Küchenblock, zügig Richtung Esszimmer. Denn dass ich hier die schönen Kronleuchter anschalte und der Raum plötzlich hell erstrahlt, weiß Toni schon ganz genau, was kann er sich an den Lichtern erfreuen!

Als vertraute Bros sind wir gerade zurück in der Küche angelangt. Toni lässt nach kurzem Zögern meine Hand los. Denn da hinten wartet schon die Mama, die in der Hocke mit weiten Armen Toni zuruft und ihm Mut macht, doch zu ihr zu laufen. Und los geht’s: Die Arme wankend in die Höhe gestreckt, mit zappeligen Schritten ins Ziel! Was für ein Kichern und Kickern! Und nun? Zur Tante! Die Mama bringt Toni in Startposition, ich beuge mich herunter, öffne weit die Arme, locke mal mit betörenden und sanften Lauten, mal mit motivierenden und mobilisierenden Rufen das Kind. Und da, schau hin: Toni fasst sich ein Herz, beugt den kleinen Oberkörper nach vorne, zieht die kleinen Beinchen hinterher, breitet die Arme weit aus und kommt mit einem ordentlichen Schwung an – an seinem Ziel, mitten an meiner Brust, direkt in meinem Herzen. Das schönste, allerschönste Gefühl seit langem!

Die ganze Szenerie erinnert mich an ein wunderschönes Gedicht, das meine Mutter oft aufgesagt und damals auch in mein Poesiealbum geschrieben hat:

Erste Schritte

Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt,
Klein wird dein letzter sein.
Den ersten gehn Vater und Mutter mit,
Den letzten gehst du allein.

Seis um ein Jahr, dann gehst du, Kind,
Viel Schritte unbewacht,
Wer weiß, was das dann für Schritte sind
Im Licht und in der Nacht?

Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt,
Groß ist die Welt und dein.
Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt
Wieder beisammen sein.

(Albrecht Goes)

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